Das Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB) trauert um seinen ehemaligen Wissenschaftlichen Direktor, geschätzten Kollegen, leidenschaftlichen Hochschullehrer und visionären Praktiker Prof. Dr. Reiner Brunsch, der am 22. Juli 2026 im Alter von 69 Jahren verstorben ist. Mit ihm verlieren wir eine prägende Persönlichkeit, die über ein Vierteljahrhundert lang das Fundament des ATB mitgestaltet, die Forschungsausrichtung maßgeblich geprägt und die Brücke zwischen akademischer Spitzenforschung und landwirtschaftlicher Praxis wie kaum ein anderer gelebt hat.
Landwirtschaft gehörte schon von Beginn an zum Leben von Reiner Brunsch. Geboren im sächsischen Görlitz, absolvierte er zunächst eine Ausbildung zum gelernten Melker – ein wichtiges Fundament für seine gesamte spätere wissenschaftliche Karriere. Von 1979 bis 1984 studierte er Tierproduktion an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU Berlin), wo er im Anschluss erfolgreich zum Thema „Technologisch bedingte Leistungsbeeinflussung von Kühen in Laufstallhaltung“ promovierte. Bereits hier zeigte sich sein Fokus auf die systemische Optimierung der Tierhaltung unter Einbeziehung technischer Innovationen. Im Jahr 1999 schloss er seine Habilitation zum Thema „Stoff- und Wärmeproduktion in Geflügelställen“ an.
Seine akademische Heimat blieb die HU Berlin. Mit seiner Honorarprofessur im Fach „Verfahrenstechnik in der Tierhaltung“ konnte er seine Begeisterung und sein Wissen als Doktorvater und Hochschullehrer an Generationen von Studierenden weitergeben.
Im Jahr 1997 übernahm er die Leitung der Abteilung „Technik in der Tierhaltung“ am ATB. Von 2004 bis 2008 leitete er das Institut zunächst kommissarisch, bevor er von 2008 bis 2017 als Wissenschaftlicher Direktor die Geschicke des ATB lenkte. Auch nach seiner Zeit im Direktorat blieb er dem Institut bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2023 als aktiver, geschätzter Forscher erhalten.
Prof. Dr. Reiner Brunsch beschäftigte sich seit jeher mit der Frage, wie wir Menschen gut leben können, ohne die Natur zu zerstören. Geleitet von einer tiefen Ehrfurcht vor der Natur, dachte er schon in komplexen Systemen, als das Konzept der Nachhaltigkeit in vielen Bereichen noch am Anfang stand. Sein Handeln war konsequent vom Leitbild der nachhaltigen Entwicklung geprägt. Es war sein erklärtes Ziel, Tierwohl, Umweltverträglichkeit und Wirtschaftlichkeit in eine harmonische Balance zu bringen.
Dieses Systemdenken trug er weit über das ATB hinaus. Er war der Initiator und langjährige Sprecher (2012–2020) des Leibniz-Forschungsverbundes „Nachhaltige Lebensmittelproduktion und gesunde Ernährung". Unter seiner Führung vernetzten sich Disziplinen, um die Produktion gesunder Lebensmittel im Einklang mit Tierschutz und Ökologie global und lokal voranzutreiben.
Prof. Dr. Reiner Brunsch war auch international hervorragend vernetzt und ein hochgeschätzter Partner in der wissenschaftlichen Politikberatung sowie in nationalen und internationalen Fachgremien. Er intensivierte die Kooperationsbeziehungen mit universitären Forschungseinrichtungen und stärkte nachhaltig die internationale Positionierung des ATB. Darüber hinaus brachte er sein Wissen und seine Erfahrung in zahlreichen Gremien ein. Er war ein engagiertes Mitglied und Vizepräsident der European Society of Agricultural Engineers (EurAgEng), Mitglied des Vorstandes der Deutschen Agrarforschungsallianz (DAFA) sowie Mitglied des Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft (KTBL) und des VDI-Fachbeirats, um nur einige zu nennen.
Wie sehr sein Wirken über die Grenzen des ATB hinaus Anerkennung fand, zeigte sich in der Verleihung der Max-Eyth-Gedenkmünze. Sie würdigte seine herausragenden Verdienste um die Agrartechnik und sein Engagement für eine nachhaltige Entwicklung der Landwirtschaft – und damit beispielhaft die Verbindung von Forschung und Praxis, von Fortschritt und Verantwortung.
Er erforschte die Landwirtschaft nicht nur am Schreibtisch oder im Labor – er lebte sie auch darüber hinaus. Im Jahr 1999 übernahm er als Eigentümer und Geschäftsführer den Rinderhof Gorinsee in Brandenburg. Mit 350 Hektar Acker- und Weideland stellte er sich den herausfordernden Bedingungen des brandenburgischen, nährstoffarmen Sandbodens. Inspiriert von den Beschlüssen der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro (1992) stellte er den Betrieb von konventioneller Bewirtschaftung konsequent auf ökologischen Landbau um. Frei nach dem „One Health“-Gedanken: Ein gesunder Boden erzeugt gesunde Pflanzen, welche die Basis für gesunde Tiere sind.
Unsere Wissenschaftliche Direktorin, Prof. Dr. Barbara Sturm, blickt mit großer Dankbarkeit auf die gemeinsame Zeit zurück: „Reiner Brunsch war nicht nur ein herausragender Wissenschaftler, sondern auch ein besonnener Ratgeber und Türöffner für mich sowie für viele seiner Wegbegleiter. Seine visionäre Führung hat das ATB international sichtbar gemacht, und seine bedingungslose Unterstützung während meiner Amtseinführung war mir von unschätzbarem Wert. Er hat mir den Weg in diese neue Aufgabe in vielerlei Hinsicht geebnet – auf regionaler, nationaler wie internationaler Ebene – wofür ich ihm zutiefst dankbar bin. Seine Fähigkeit, Forschung und Praxis zu verbinden, bleibt unser Maßstab, an dem wir unsere Forschungsarbeit auch weiterhin ausrichten werden.“
Viele der Erfolge des ATB, die heute sichtbar sind und in Zukunft noch sichtbar werden, hat Prof. Dr. Reiner Brunsch bereits vor Jahren auf den Weg gebracht. Seine Leidenschaft, mit der er gleichermaßen Wissenschaftler, Hochschullehrer, Landwirt und Berater war, wird uns weiterhin als Vorbild dienen.
Wir werden Prof. Dr. Reiner Brunsch in dankbarer und ehrender Erinnerung behalten. Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie, seinen Angehörigen und allen Weggefährten.
Für persönliche Worte des Gedenkens und Beileids haben wir ein Online-Kondolenzbuch eingerichtet: