Technik im Gartenbau

 Arbeitsgestaltung, Arbeitssysteme und Ergonomie

 

Zusammenarbeit mit
Bundesanstalt für Arbeitsschutz
und Arbeitsmedizin

 

Messung der Arbeitsbelastung
beim Melken

Problematik
Tätigkeiten in der Landwirtschaft sind trotz der Mechanisierung auch aktuell mit hohen physischen Anforderungen und Einwirkungen verbunden. Melkerinnen gehören zu den besonders von Arbeitsunfähigkeit betroffenen Berufsgruppen. Die Ursachen liegen in der Veränderung der Arbeitsbelastung von Melkern in den letzten Jahren durch die zunehmende Technisierung. Problematisch sind unter anderem die reduzierte Aufgabenvielfalt und die daraus resultierende einseitige Belastung. Mit steigender Betriebsgröße steigt in der Regel auch der Grad der Spezialisierung in der Aufgabenverteilung. In Kooperation mit der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin Berlin konnte in Untersuchungen hier am Institut aufgezeigt werden, dass die beim Melken eingenommene Körperhaltung und weiterhin das Melkzeuggewicht einen wesentlichen Einfluss auf die subjektiv empfundene sowie auf die messbare Belastung ausüben. Getestet wurden zwei unterschiedliche Melkzeuggewichte (1,4 und 2,4 kg) sowie drei verschiedene Arbeitshöhen.
Methodik
Am Labormelkstand des ATB (Fischgräte 33°) wurden parallel die muskuläre Belastung mittels EMG, die Körperhaltung (3-D-Bewegungsanalyse), die Herzfrequenz, die Zeitdauer und das subjektive Anstrengungsempfinden erfasst. Jede Variante wurde 15 Mal wiederholt. Der Arbeitsablauf war standardisiert und auf die Gesamtdauer von einer Minute eingestellt. Die Melkzeuge wurden an ein Kunsteuter angesetzt (siehe Foto).
Abbildung 1: Probandin beim Ansetzen eines Melkzeuges über Schulterniveau, Abbild der Markerpositionen und Darstellung des Armhebewinkels
Ergebnisse
Unterschiedliche Arbeitshöhen verursachen charakteristische Bewegungsabläufe. Ein niedriges Euter bedingt ein Vorbeugen des Oberkörpers bis in den ungünstigen Bereich von über 20° während ein hohes Euter das Anheben des Armes verlangt. Das Anlegen von konventionellen Melkzeugen erfordert ca. 10 bis 15% der Maximalkraft von Melkerinnen. Die Arbeitsaufgabe führte zu deutlichen statischen und dynamischen muskulären Beanspruchungen. Arbeiten mit leichten Melkzeugen in Schulterniveau war mit der geringsten physischen Beanspruchung verbunden (siehe Abbildung 2). Dies sollte bei der Gestaltung der Melkstände z.B. durch Einsatz höhenvariabler Arbeitsbühnen, die Auswahl leichter Melkzeuge und bei Unterweisungen berücksichtigt werden.
Abbildung 2: Mittlere muskuläre Aktivierung der Arm-, Nacken und Rückenmuskulatur beim Anlegen der Melkzeuge in Hinblick auf die Beanspruchung durch die Arbeitshöhe (n=6 Probandinnen, Darstellung relativ zur mittleren Aktivierung über alle Arbeitsphasen; linke Körperseite; intraindividueller Vergleich über allgemeines lineares Modell mit Messwertwiederholung: # p<.05, (#) p<.10 )
Fazit
Die Handhabung und das Halten der Last des Melkzeugs in Verbindung mit ungünstigen Körperhaltungen erlaubt es, Beschwerden im Bereich der Lendenwirbelsäule und den oberen Extremitäten auf die Tätigkeit zurückzuführen. In Abhängigkeit von der Körpergröße der Arbeitskräfte werden Überlastungen bei großen Personen eher im Bereich der Lendenwirbelsäule auftreten, bei kleinen Beschäftigten hingegen im Bereich der oberen Extremitäten. Bei kleinen Beschäftigten kommt weiterhin die kürzere Reichweite der Arme als erschwerender Faktor hinzu. Die Untersuchung hat zwei wesentliche Hinweise für die zukünftige Gestaltung des Arbeitsplatzes Melkstand ergeben. Sowohl das Melkzeuggewicht als auch die horizontale Änderung des Verhältnisses Kuheuter zur Schulter der Arbeitskraft beeinflussen signifikant die Höhe der Arbeitsbelastung. Der Einsatz von leichten Melkzeugen, Servicearmen oder Neuentwicklungen, die der Gewichtsreduzierung Rechnung tragen, bewirken eine deutliche Arbeitserleichterung. Um die Körperhaltung nahe dem Optimum zu halten, muss die Grubentiefe der Körpergröße der Arbeitskräfte und den Merkmalen der Herde Rechnung tragen.

Aktuell werden die Untersuchungen in leicht abgewandelter Form wiederholt. Anstelle des schweren Melkzeuges wird der Multilactor - viertelindividuelles Melkzeug (Siliconform, Türkheim, Deutschland) mit dem leichten Melkzeug verglichen.

 

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